CRON - Flucht aus dem System
Arena Verlag, Würzburg, 2003
Einbandgestaltung: Constance Spengler
ISBN 3-401-05504-6
213 Seiten
Ab 12 Jahren
Nicht mehr lieferbar
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Leseprobe aus CRON - Flucht aus dem System (Manuskriptfassung)

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Systemzeit 2361:04:17:26:41:00, Zentralstadt, Sektion Nordwest, Wohneinheit 250.5

Die Gestalt taucht ab, sucht in einer dunklen Ecke Schutz und wird eins mit ihr.
Liam öffnet die Augen. Reglos liegt er da. Noch benommen vom plötzlichen Erwachen aus tiefem Schlaf, blinzelt er hinauf zu einem der unzähligen winzigen Löcher an der Decke seiner Wohneinheit, Hunderte von Metern über der pulsierenden Stadt. Langsam lässt er seinen Blick durch den Raum schweifen. Das gedämpfte Licht der Fusionszellen draußen unter der schützenden Kuppel spiegelt sich bläulich-metallisch an den Wänden. Es verrät Liam, dass längst noch nicht Tag ist. Aufmerksam horcht er und nimmt für einen Moment allein das Pochen seines beschleunigten Pulsschlags wahr. Dann registriert er das vertraute, leise Rauschen der Klimakontrolle. Ein unverkennbares Anzeichen, dass er allein ist. Dass er, wie in den Nächten zuvor auch, Raias Nähe nur geträumt hat.
Liam schlägt die seidige Decke, die im diffusen Licht ebenso bläulich schimmert, zur Seite, richtet sich schlaftrunken auf und setzt sich an den Rand seines Schlafplatzes. Während er seine bleischweren Augen reibt, fragt er in den Raum: „Wie spät ist es?“
„Sechsundzwanzig Uhr einundvierzig.“
Ein leises Plätschern durchbricht die nächtliche Ruhe. Nach wenigen Sekunden ist es so still wie zuvor. Die Kühle des temperierten Raums lenkt Liams Aufmerksamkeit auf sein durchnässtes T-Shirt. Er zieht es aus und betrachtet einen Moment den feuchten Glanz auf seiner Haut. Jetzt erst bemerkt er auch, wie trocken sein Mund ist. Trotz seiner Benommenheit bewegt ihn dies schließlich dazu, aufzustehen.
Liam fühlt den kalten Boden unter seinen nackten Füßen. Mit schnellen Schritten geht er nach nebenan in den wenige Quadratmeter größeren Hauptraum seiner Wohneinheit und greift nach dem Glas mit der bräunlichen, Kraft spendenden Flüssigkeit, das längst in der Nahrungsbatterie für ihn bereit steht. Er trinkt zügig, um den Verlust der Körpersalze auszugleichen. Als er das geleerte Glas zurückstellt, flüstert er: „Ich habe von Raia geträumt. Ein weiteres Mal.“
„Es ist registriert worden.“
Liam schüttelt den Kopf. Er ist irgendwie ... irritiert. Es war nicht allein Raias Stimme im Traum, die ihn aus dem Schlaf gerissen hat; hat er nicht auch ihren Atem gespürt? Er tritt ans Fenster, das von der Decke bis zum Boden beinahe die gesamte Außenwand des Wohnraums ausfüllt, und sieht nach draußen. Oft haben Raia und er gemeinsam hier gestanden und einen anstrengenden Tag ausklingen lassen. Sich unterhalten über dies und das oder sich einfach dem bekannten Anblick des lebhaften Treibens tief unter ihnen überlassen.
Liams Augen wandern hinüber zu den regelmäßig aufleuchtenden Kontrollfenstern der Transferschleusen, die sämtliche Gebäude dieser Sektion miteinander verbinden. Schließlich fragt er in die Stille hinein: „Wird Raia wiederkommen?“
Doch er erhält keine Antwort, lediglich eine Gegenfrage: „Möchtest du Ersatz? Den Zeitpunkt bestimmst du.“
Geistesabwesend verfolgt Liam einen der unzähligen winzig-gelben Lichtpunkte im Dunkel draußen.
Fast eine Phase, genauer gesagt elf Teilphasen ist es her, dass man Raia und ihm Wohneinheit fünf auf dieser 250. Etage zuteilte. Kurz nach Vollendung ihrer 16. Lebensphase brachte man sie beide ihrer gemeinsamen Fähigkeiten wegen in eine dem System dienliche Bindung. Liam denkt oft an diese Zeit zurück. Immerhin handelt es sich um die mit Abstand ereignisreichste Phase im Leben eines jungen Bewohners und zugleich um den Beweis erreichter Lebensreife. Raia und er hatten damals gerade ihre Abschlussprüfung im Bereich Visuelles Hören mit Auszeichnung bestanden. Bald hatten sie sich aneinander gewöhnt, sich schätzen und respektieren gelernt und viele Gemeinsamkeiten an sich entdeckt – wie selbstverständlich, denn schließlich waren sie seit ihrer Entstehung als lebenslange Gefährten füreinander bestimmt.
Liam lässt die letzten Tage vor Raias Abreise vor seinem geistigen Auge passieren, bis zu dem Zeitpunkt, als die Nachricht der Sektionsverwaltung kam, Raia sei verschwunden. Ist das nicht völlig ausgeschlossen? Wie kann ein Bewohner im System unauffindbar verloren gehen?
„Es wird dir bei deiner Entscheidung behilflich sein, wenn du deine Erinnerungen betrachtest.“
Liam nickt und sagt fügsam: „Ja, vermutlich.“
Im gleichen Augenblick erfüllt das leise Surren des Devisors den Raum. Millionen feinster Partikel fallen sanft von der Decke herab und platzieren sich, jedes von ihnen an einer festen Position, im dreidimensionalem Raum. So entsteht inmitten der Wohneinheit das dreidimensionale Abbild einer Szene aus Liams Vergangenheit.
Liam, mit dem Rücken ans Fenster gelehnt, sieht aufmerksam zu, wie das helle Partikelmeer Form, Farbe und Dichte verändert und in immer neuen Konstellationen eine ganze Reihe von Momenten zeigt, die er gemeinsam mit Raia erlebt hat. Dabei fragt er sich, ob ihm die längst bekannten Bilder wirklich neue Erkenntnisse bringen. Im Grunde steht sein Entschluss längst fest: Solange es möglich erscheint, dass Raia zurückkehren wird, ist ihr Platz an seiner Seite. So wollte es das System und so will es Liam. Er wird auf sie warten.
Ohne den Blick abzuwenden, geht Liam ein Stück um die Darstellung herum. Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf. Er nähert sich dem Abbild Raias, schaut ihr in die Augen und fragt: „Bin ich von Wert ohne sie?“
„Jeder Bewohner ist von Wert. Nur die Effizienz eurer Bindung ist derzeit nicht befriedigend.“
„Was ist, wenn sie nicht wiederkommt?“
„Ersatz wird dieses Ungleichgewicht beheben. Den Zeitpunkt bestimmst du. Du musst dich regenerieren. In 3 Stunden 19 Minuten beginnt ein neuer Tag.“
Liam nickt und wendet sich ab. Gleichzeitig steigen die Partikel wieder zur Decke hinauf.
Der Aufforderung des Systems folgend, geht Liam zurück in den Ruheraum. Er legt sich auf seinen Schlafplatz, deckt sich aber nur bis zu den Hüften zu. Den Kopf auf den Arm gestützt, liegt er da. Erst nach einer Weile sagt er: „Ich bin bereit.“
Wenige Sekunden später spürt Liam, wie wohlige Wärme von seinem Körper Besitz ergreift. Unwillkürlich muss er gähnen. Seine Augen werden schwer. Schnell hat ihn der Schlaf wieder.

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