
Leseprobe aus CRON - Flucht aus dem System (Manuskriptfassung)
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Systemzeit 2361:04:17:26:41:00,
Zentralstadt, Sektion Nordwest, Wohneinheit 250.5
Die
Gestalt taucht ab, sucht in einer dunklen Ecke Schutz und wird eins
mit ihr.
Liam öffnet die Augen. Reglos liegt er da. Noch benommen vom
plötzlichen Erwachen aus tiefem Schlaf, blinzelt er hinauf
zu einem der unzähligen winzigen Löcher an der Decke seiner
Wohneinheit, Hunderte von Metern über der pulsierenden Stadt.
Langsam lässt er seinen Blick durch den Raum schweifen. Das
gedämpfte Licht der Fusionszellen draußen unter der schützenden
Kuppel spiegelt sich bläulich-metallisch an den Wänden.
Es verrät Liam, dass längst noch nicht Tag ist. Aufmerksam
horcht er und nimmt für einen Moment allein das Pochen seines
beschleunigten Pulsschlags wahr. Dann registriert er das vertraute,
leise Rauschen der Klimakontrolle. Ein unverkennbares Anzeichen,
dass er allein ist. Dass er, wie in den Nächten zuvor auch,
Raias Nähe nur geträumt hat.
Liam schlägt die seidige Decke, die im diffusen Licht ebenso
bläulich schimmert, zur Seite, richtet sich schlaftrunken auf
und setzt sich an den Rand seines Schlafplatzes. Während er
seine bleischweren Augen reibt, fragt er in den Raum: „Wie
spät ist es?“
„Sechsundzwanzig Uhr einundvierzig.“
Ein leises Plätschern durchbricht die nächtliche Ruhe.
Nach wenigen Sekunden ist es so still wie zuvor. Die Kühle
des temperierten Raums lenkt Liams Aufmerksamkeit auf sein durchnässtes
T-Shirt. Er zieht es aus und betrachtet einen Moment den feuchten
Glanz auf seiner Haut. Jetzt erst bemerkt er auch, wie trocken sein
Mund ist. Trotz seiner Benommenheit bewegt ihn dies schließlich
dazu, aufzustehen.
Liam fühlt den kalten Boden unter seinen nackten Füßen.
Mit schnellen Schritten geht er nach nebenan in den wenige Quadratmeter
größeren Hauptraum seiner Wohneinheit und greift nach
dem Glas mit der bräunlichen, Kraft spendenden Flüssigkeit,
das längst in der Nahrungsbatterie für ihn bereit steht.
Er trinkt zügig, um den Verlust der Körpersalze auszugleichen.
Als er das geleerte Glas zurückstellt, flüstert er: „Ich
habe von Raia geträumt. Ein weiteres Mal.“
„Es ist registriert worden.“
Liam schüttelt den Kopf. Er ist irgendwie ... irritiert. Es
war nicht allein Raias Stimme im Traum, die ihn aus dem Schlaf gerissen
hat; hat er nicht auch ihren Atem gespürt? Er tritt ans Fenster,
das von der Decke bis zum Boden beinahe die gesamte Außenwand
des Wohnraums ausfüllt, und sieht nach draußen. Oft haben
Raia und er gemeinsam hier gestanden und einen anstrengenden Tag
ausklingen lassen. Sich unterhalten über dies und das oder
sich einfach dem bekannten Anblick des lebhaften Treibens tief unter
ihnen überlassen.
Liams Augen wandern hinüber zu den regelmäßig aufleuchtenden
Kontrollfenstern der Transferschleusen, die sämtliche Gebäude
dieser Sektion miteinander verbinden. Schließlich fragt er
in die Stille hinein: „Wird Raia wiederkommen?“
Doch er erhält keine Antwort, lediglich eine Gegenfrage: „Möchtest
du Ersatz? Den Zeitpunkt bestimmst du.“
Geistesabwesend verfolgt Liam einen der unzähligen winzig-gelben
Lichtpunkte im Dunkel draußen.
Fast eine Phase, genauer gesagt elf Teilphasen ist es her, dass
man Raia und ihm Wohneinheit fünf auf dieser 250. Etage zuteilte.
Kurz nach Vollendung ihrer 16. Lebensphase brachte man sie beide
ihrer gemeinsamen Fähigkeiten wegen in eine dem System dienliche
Bindung. Liam denkt oft an diese Zeit zurück. Immerhin handelt
es sich um die mit Abstand ereignisreichste Phase im Leben eines
jungen Bewohners und zugleich um den Beweis erreichter Lebensreife.
Raia und er hatten damals gerade ihre Abschlussprüfung im Bereich
Visuelles Hören mit Auszeichnung bestanden. Bald hatten sie
sich aneinander gewöhnt, sich schätzen und respektieren
gelernt und viele Gemeinsamkeiten an sich entdeckt – wie selbstverständlich,
denn schließlich waren sie seit ihrer Entstehung als lebenslange
Gefährten füreinander bestimmt.
Liam lässt die letzten Tage vor Raias Abreise vor seinem geistigen
Auge passieren, bis zu dem Zeitpunkt, als die Nachricht der Sektionsverwaltung
kam, Raia sei verschwunden. Ist das nicht völlig ausgeschlossen?
Wie kann ein Bewohner im System unauffindbar verloren gehen?
„Es wird dir bei deiner Entscheidung behilflich sein, wenn
du deine Erinnerungen betrachtest.“
Liam nickt und sagt fügsam: „Ja, vermutlich.“
Im gleichen Augenblick erfüllt das leise Surren des Devisors
den Raum. Millionen feinster Partikel fallen sanft von der Decke
herab und platzieren sich, jedes von ihnen an einer festen Position,
im dreidimensionalem Raum. So entsteht inmitten der Wohneinheit
das dreidimensionale Abbild einer Szene aus Liams Vergangenheit.
Liam, mit dem Rücken ans Fenster gelehnt, sieht aufmerksam
zu, wie das helle Partikelmeer Form, Farbe und Dichte verändert
und in immer neuen Konstellationen eine ganze Reihe von Momenten
zeigt, die er gemeinsam mit Raia erlebt hat. Dabei fragt er sich,
ob ihm die längst bekannten Bilder wirklich neue Erkenntnisse
bringen. Im Grunde steht sein Entschluss längst fest: Solange
es möglich erscheint, dass Raia zurückkehren wird, ist
ihr Platz an seiner Seite. So wollte es das System und so will es
Liam. Er wird auf sie warten.
Ohne den Blick abzuwenden, geht Liam ein Stück um die Darstellung
herum. Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf. Er nähert
sich dem Abbild Raias, schaut ihr in die Augen und fragt: „Bin
ich von Wert ohne sie?“
„Jeder Bewohner ist von Wert. Nur die Effizienz eurer Bindung
ist derzeit nicht befriedigend.“
„Was ist, wenn sie nicht wiederkommt?“
„Ersatz wird dieses Ungleichgewicht beheben. Den Zeitpunkt
bestimmst du. Du musst dich regenerieren. In 3 Stunden 19 Minuten
beginnt ein neuer Tag.“
Liam nickt und wendet sich ab. Gleichzeitig steigen die Partikel
wieder zur Decke hinauf.
Der Aufforderung des Systems folgend, geht Liam zurück in den
Ruheraum. Er legt sich auf seinen Schlafplatz, deckt sich aber nur
bis zu den Hüften zu. Den Kopf auf den Arm gestützt, liegt
er da. Erst nach einer Weile sagt er: „Ich bin bereit.“
Wenige Sekunden später spürt Liam, wie wohlige Wärme
von seinem Körper Besitz ergreift. Unwillkürlich muss
er gähnen. Seine Augen werden schwer. Schnell hat ihn der Schlaf
wieder.
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